Fokussierte NFP: ein neuer Ansatz für prioritäre Themen von Politik und Bundesverwaltung

Die drei neuen NFP erproben einen gezielteren Ansatz, um auf vom Bund identifizierten Bedürfnisse einzugehen. Laetitia Philippe, Vizedirektorin des SBFI und Leiterin der Abteilung Nationale Forschung und Innovation, erläutert diesen Ansatz.
Die drei neuen nationalen Forschungsprogramme (NFP) zu psychischer Gesundheit von Jugendlichen, zu digitaler Resilienz kritischer Infrastruktur und zu Deglobalisierung und Resilienz von Lieferketten folgen den Prioritäten der Bundesverwaltung und sind im Unterschied zu anderen Programmen nicht das Ergebnis einer offenen Ausschreibung. Laetitia Philippe, Vizedirektorin des SBFI und Leiterin der Abteilung Nationale Forschung und Innovation, erläutert diesen Ansatz.
Die Themensetzung fand bei diesen drei NFP auf eine neue Weise und in einem engen gesteckten Rahmen statt. Welche Ziele verfolgt das SBFI mit diesem Ansatz?
Diese neuen NFP wurden mit mehreren konkreten Zielen ins Leben gerufen. Es geht insbesondere darum, zu prüfen, ob kürzere Programme zu sehr spezifischen Themen umgesetzt werden können, die auf einen von der Politik und der Bundesverwaltung identifizierten Bedarf reagieren. Ausserdem sollen diese Programme schneller in Gang gesetzt werden können als es der Rahmen einer offenen Prüfrunde erlaubt, damit dringende Fragen wissenschaftlich fundiert beantwortet werden können. Das grundlegende Ziel dabei bleibt jedoch die Förderung von Forschungsprojekten, die zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen von nationaler Bedeutung beitragen. Mit dem neuen Ansatz möchte das SBFI insbesondere ausloten, wie das Förderinstrument NFP gezielt eingesetzt werden kann, um wissenschaftliche Antworten auf Fragen zu gewinnen, die den Prioritäten der Politik und Bundesverwaltung entsprechen. Es geht nicht darum, Ressortforschung zu betreiben, sondern einen gezielten Aufruf an die wissenschaftliche Gemeinschaft zu richten. Die wissenschaftliche Exzellenz der eingereichten Gesuche bleibt das wichtigste Kriterium bei der Begutachtung durch den SNF. Das SBFI sieht einen Wechsel zwischen solch fokussierten und offenen Prüfrunden vor, die mit höheren Finanzmitteln ausgestattet sind. Bei den «klassischen» offenen Prüfrunden können interessierte Kreise Themen vorschlagen, die wichtige wissenschaftliche Fragen aufgreifen. Diese Bottom-up-Ausrichtung sieht der Bund als eine Stärke des Förderinstruments NFP, dem er eine hohe Bedeutung beimisst.
Psychische Gesundheit von Jugendlichen, digitale Resilienz sowie Deglobalisierung und Resilienz der Lieferketten: Die neuen NFP befassen sich mit Themen von grosser Tragweite. Was werden Ihrer Meinung nach die wesentlichsten Herausforderungen sein, um die sehr weit gefassten Fragestellungen in gezielte und wirkungsvolle Forschungsprogramme umzusetzen?
Die Themen, mit denen sich diese drei NFP befassen, sind in der Tat sehr breit gefächert. Sie sind das Ergebnis eines Prozesses, bei dem zu Beginn erst einmal wichtige Herausforderungen für Politik und Bundesverwaltung identifiziert wurden. Die drei Themen wurden anschliessend ausgewählt, da sie als wissenschaftlich relevant und umsetzbar erachtet wurden. Die durch den SNF eingesetzten Expert:innengruppen haben zudem einen wichtigen Beitrag zur thematischen Fokussierung geleistet. Schliesslich ging es darum, die Ausschreibungsunterlagen so konkret wie möglich zu gestalten und gleichzeitig die für die akademische Freiheit notwendige Offenheit zu wahren. Eine weitere Herausforderung wird bei der Auswahl der Projekte aufkommen. Angesichts des verfügbaren Fördervolumens wird es besonders wichtig sein, ein kohärentes und sich ergänzendes Projektportfolio zusammenzustellen, das auf die Zielsetzungen der einzelnen Programme ausgerichtet ist. Wie genau das Programm aussieht, wird weitgehend durch das Projektportfolio bestimmt. Eine klare Orientierung ist in dieser Phase daher äusserst wichtig.
Können diese neuen Programme nützliche Erkenntnisse für die künftige Weiterentwicklung des Förderinstruments NFP selbst liefern? Wenn ja, welche Aspekte werden dabei besonders interessant zu beobachten sein?
Genau das ist einer der Gründe dafür, warum diese Prüfrunde lanciert wurde. Mit einem beschleunigten Auswahlverfahren und einer kürzeren Forschungsdauer möchte das SBFI prüfen, inwieweit das Förderinstrument NFP in der Lage ist, auf politische Fragen mit einem nachweislichen Bedarf an wissenschaftlichen Antworten effizient und praxisnah zu reagieren. Im Grunde sollen die drei Programme da eine brauchbare Grundlage schaffen, wo der Bedarf am deutlichsten erkennbar ist. Das NFP 85 soll also dazu beitragen, die Entwicklung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen besser zu verstehen und Ansatzpunkte für Massnahmen in den Bereichen Schule, Prävention und Gesundheitswesen zu identifizieren. Das NFP 86 befasst sich damit, wie unsere Institutionen, unsere Infrastrukturen und die Bevölkerung mit digitalen Risiken umgehen können. Das NFP 87 untersucht, welche Auswirkungen eine Fragmentierung des internationalen Handels auf eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz hat. Drei Aspekte werden dabei besonders aufschlussreich sein: Was können fokussierte Programme (mit begrenzten Finanzmitteln und kurzer Laufzeit) bewirken, welche Auswirkungen hat ein verkürzter Zeitplan für die Ingangsetzung und inwieweit ist das Forschungsinstrument in der Lage, Themen zu bearbeiten, die zugleich gesellschaftlich wie politisch von grosser Bedeutung sind. Zwei Evaluationen sollen Aufschluss zu diesen Fragen geben. Der Schweizerische Wissenschaftsrat führt eine begleitende Evaluation zu dieser Prüfrunde durch, bis hin zur Auswahl der Forschungsprojekte. Das SBFI plant seinerseits eine spätere Evaluation, die jedoch erst nach 2030 einsetzen wird.
Inwiefern fügen sich diese Entwicklungen in aktuelle Überlegungen zur Rolle der NFP in der Schweizer Forschungsförderung ein?
Die Entwicklungen gehen auf langjährige Überlegungen zurück. Die Möglichkeit, die Wissenschaft zu Themen von Bedeutung für die Schweiz in einem strukturierten Rahmen und über einen festgelegten Zeitraum hinweg zu mobilisieren, macht den eigentlichen Wert des Förderinstruments NFP aus. Gegenwärtig ist der Bedarf an soliden wissenschaftlichen Grundlagen zur Abstützung politischer Entscheidungen und zur Bewältigung der zahlreichen Herausforderungen, denen sich die Gesellschaft gegenübersieht, besonders wichtig geworden. Das SBFI sieht die NFP als ein Instrument, das in der Lage ist, auf Fragen von grosser gesellschaftlicher Bedeutung verlässliche wissenschaftliche Antworten zu liefern. Verbesserungspotenziale liegen hauptsächlich in der Phase zwischen der Identifizierung eines Bedarfs und der Veröffentlichung der Ausschreibung. Auf diese Phase konzentrieren sich die aktuellen Anpassungen. Sie stellen weder die Durchführung der Programme noch die akademische Freiheit der Forschungsteams in Frage. Akademische Freiheit und praktischer Nutzen stehen in den NFP übrigens nicht im Widerspruch zueinander. Die Teams führen ihre Arbeiten in voller wissenschaftlicher Autonomie durch und befassen sich dabei mit Fragestellungen, deren praktische Relevanz zuvor festgestellt wurde. Genau diese Verknüpfung macht den Wert der NFP aus und fördert die Umsetzung der Ergebnisse.
Die vom SBFI bei den Bundesämtern durchgeführte Umfrage zeigt, dass die NFP als wertvolles Instrument wahrgenommen werden, insbesondere weil sie einen direkten Zugang zu Forschungsergebnissen ermöglichen, die für die öffentliche Hand relevant sind. Der Bericht unterstreicht zudem, wie wichtig ein verstärkter Austausch mit der Praxis und der Wirtschaft ist. Was können die neuen NFP in dieser Hinsicht beitragen?
Die Forschung entwickelt sich seit mehreren Jahren hin zu einer engeren Zusammenarbeit mit Praxisakteurinnen und Praxisakteuren, insbesondere wenn es darum geht, komplexe gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen. Die neuen NFP stehen in dieser Tradition, indem sie transdisziplinäre Ansätze und die Einbindung nicht akademischer Akteurinnen und Akteure fördern, wie dies beispielsweise bereits bei den NFP 76, 81 und 82 der Fall war.
Das NFP 85, das sich mit der psychischen Gesundheit von Jugendlichen befasst, sieht beispielsweise ein Youth Advisory Board vor, um die Zielgruppe des Programms direkt einzubeziehen. Die stärkere Einbindung der betroffenen Bundesämter soll zudem die praktische Anwendbarkeit der Ergebnisse fördern. Diese Ämter wurden insbesondere zu den Programmvorschlägen, den Programmkonzepten und den Ausschreibungsunterlagen konsultiert. Und schliesslich gehört der Leitungsgruppe jedes NFP eine Vertreterin oder ein Vertreter des Bundes an. Beim NFP 85 werden zudem die Kantone durch eine delegierte Person der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren vertreten.
Nach dieser Ausschreibung ist wiederum eine offene Prüfrunde nach dem klassischen Modell vorgesehen. Wie ergänzen sich die beiden Formate Ihrer Meinung nach?
Die beiden Arten von Prüfrunden gehen von unterschiedlichen Perspektiven aus. Um Themen von nationaler Bedeutung zu identifizieren, sind sowohl die wissenschaftliche Sichtweise als auch der politische Standpunkt erforderlich. Durch die beiden Programmformate können sich die NFP perfekt ergänzen. Mit dem neuen Prüfrundentyp möchte das SBFI einen planbar wechselnden Ablauf von «fokussierten» und offenen Prüfrunden etablieren. Dadurch ist es möglich, gezielter auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen. Beide erfordern jedoch Antworten, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Einerseits sind es Themen, bei denen ein Bedarf an raschem politischem Handeln besteht, und andererseits weiter gefasste gesellschaftliche Themen, die sowohl von wissenschaftlichen Kreisen als auch von Interessiensgruppierungen vorgeschlagen werden und deren wissenschaftliche Ausarbeitung einen längeren Zeithorizont erfordert. Es bleibt abzuwarten, ob diese neue Art von Prüfrunde den gewünschten Erfolg haben wird. Die beiden geplanten Evaluationen werden zu diesen Überlegungen beitragen. Abgesehen von den verfahrenstechnischen Aspekten sind die NFP nach wie vor eine der raren Möglichkeiten zur nachhaltigen Verknüpfung von Bedürfnissen der Gesellschaft und der Politik mit Spitzenforschung. Das SBFI misst der Fortsetzung der engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem SNF grosse Bedeutung bei.